Interview

Interview mit Thomas Königstein
„Ratgeber energiesparendes Bauen“

Thomas Königstein

Thomas Königstein (Jahrgang 1957) ist gelernter Zimmermann und studierter Bauingenieur. Aufgrund der Atomreaktor-Katastrophe von Tschernobyl 1986 beschloss er, sich im Bereich Energieeinsparung und Erneuerbare Energien selbstständig zu machen. Seit 1987 arbeitet er als unabhängiger Energieberater für Privathaushalte, Kommunen und Gewerbebetriebe. Von 1992 bis 2000 war er bei der Landesenergieagentur hessenENERGIE beschäftigt. Neben der Energieberatung ist Königstein seit 1994 auch in der Aus- und Weiterbildung tätig und erstellt Fachpublikationen.

Ökohaus, ökologisches Bauen, Energiesparhaus, Null- und Plusenergiehäuser – die Verwirrung ist groß. Aktuellen und zukünftigen Immobilienbesitzern gibt Thomas Königstein produktneutrale und unabhängige Fachinformationen zu energieeffizienten Gebäuden an die Hand.

Das Buch von Thomas Königstein „Ratgeber energiesparendes Bauen – Auf den Punkt gebracht: Neutrale Fachinformationen für mehr Energieeffizienz“ vermittelt theoretisches Basiswissen und praktische Erkenntnisse. Es ist im April 2011 aktualisiert in fünfter Auflage erschienen. Der Autor stellt darin die modernsten Bau- und Wärmedämmstoffe vor. Er erläutert, wo und wie viel gedämmt werden und wie dicht ein Haus heute sein sollte. Zudem zeigt er auf, was bei den wichtigsten Elementen des Ausbaus vom Fenster über die Lüftung bis zur Heizung und Nutzung von Sonnenenergie bedacht werden muss.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Herr Königstein, ist es aus Ihrer Sicht heute unverzichtbar bei einem Neubau auf Energieeffizienz zu achten? Warum? Was sollte anders sein als bei einem „normalen“ Haus?

Thomas Königstein:
Der wichtigste Grund für Energieeffizienz beim Neubau liegt in den ständig steigenden Energiepreisen: Während der Strompreis seit Jahrzehnten konstant steigt (derzeit auf rund 25 Ct/kWh), unterliegen die Erdgas- und Ölpreise zwar saisonalen Schwankungen, doch auch hier zeigt die Tendenz nur nach oben. Im Durchschnitt stieg z.B. der Ölpreis zwischen 1960 und 2010 jährlich um 7%. Heute liegt der Preis für einen Liter Heizöl bei ca. 0,95 Euro (9,5 Ct/kWh).

Zahlte 2002 ein Hausbesitzer mit einem Jahresverbrauch von 3.000 Liter Heizöl rund 1.200 Euro (oder 100 Euro/Monat), sind es heute nur zehn Jahre später 2.850 Euro pro Jahr bzw. knapp 240 Euro/Monat. Gegen steigende Energiekosten kann der Einzelne nichts machen, wohl aber gegen einen hohen Energieverbrauch wie z.B. 3.000 Liter Heizöl für ein Einfamilienhaus.

Gesetzliche Grundlage zur Energieeinsparung bei Neubauten ist derzeit noch die Energieeinsparverordnung EnEV 2009. Sie schreibt aber nur Mindeststandards vor. Diese sollten bei der Investition in einen Neubau, der oft über 20 und mehr Jahre finanziert wird, deutlich übertroffen werden. Wird der Neubau wirklich energieeffizient realisiert, bleiben Verbrauch und Energiekosten, trotz Preissteigerungen, dauerhaft vergleichsweise niedrig.

Dabei gibt es keinen Unterschied zu einem „normalen“ Haus. Wichtig ist vor allem die Realisierung eines sehr guten Wärmeschutzes durch gedämmte Außenbauteile und Fenster. Das bedeutet, dass die Wärmedämmung im Kellerbereich nicht unter 10 cm, bei der Außenwand nicht unter 16 cm und beim Dach nicht unter 24 cm liegen sollte – und bei den Fenstern die 3-fach-Wärmeschutzverglasung normal ist.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Wie verhalten sich die Erstellungskosten für einen energieeffizienten Neubau eines Einfamilienhauses im Vergleich zu einem „normalen“ Haus in gleicher Größe?

Thomas Königstein:
Die Hauptkosten für Grundstück, Erschließung, Roh- und Ausbau bleiben gleich. Die Mehrkosten des energieeffizienten Einfamilienhauses liegen im Vergleich zum „normalen“ Haus gleicher Größe zwischen 10 Euro und ca. 100 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche – abhängig vom Energieeffizienz-Standard, der erreicht werden soll. Bei z.B. 150 Quadratmeter geht es also um 1.500 bis 15.000 Euro. Die lassen sich gut bei der Ausstattung von Bad, Küche oder Schlafzimmer, die ja jederzeit leicht ersetzbar ist, einsparen.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Wie sollte ein Bauherr vorgehen, wenn man sich ein energieeffizientes Haus bauen möchte? Über was muss man sich informieren?

Thomas Königstein:
Meine Empfehlung: Man sucht sich einen Architekten, der von Energieeffizienz zwar wenig Ahnung hat – das ist eher die Regel -, aber gut in der Lage ist, die Vorstellung des Bauherrn zum Haus- und Raumkonzept umzusetzen. Sobald eine erste Planung 1:100 steht, sollte ein erfahrener unabhängiger Energieberater hinzugezogen werden, der den Entwurf gemeinsam mit Architekt und Bauherr energetisch optimiert und anschließend den Bau punktuell begleitet. Er unterstützt vor allem den Architekten bei Ausschreibung und Vergabe der wichtigsten Handwerkerleistungen sowie bei der Qualitätskontrolle.

Parallel dazu sollte sich der Bauherr unbedingt unabhängig informieren: Gut geeignet sind entsprechende Bücher. Weniger geeignet ist das Internet, da es zu viele und widersprüchliche Meinungen enthält. Völlig ungeeignet sind „Tipps“ aus dem Umfeld: Unkenntnis und Vorurteile des Malers („Wände mit Wärmedämmung atmen nicht!“), des Heizungsbauers („Baue nur keine Zwangslüftung ein!“) oder des Baumarktangestellten („Styropor ist für alles geeignet und billig!“) helfen ebenso wenig weiter wie sog. Fachleute, die von Kälte- statt von Wärmebrücken sprechen oder einen Blower-Door-Test für überflüssig halten.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Ist es möglich, einen Altbau zu einer energieeffizienten Immobilie zu sanieren? Was sind dabei die wichtigsten Maßnahmen?

Thomas Königstein:
Das ist möglich und unumgänglich! Jährlich werden nur rund 170.000 Wohnungen neu gebaut. Die wirkliche Herausforderung im Hinblick auf Klimaschutz und Energieeinsparung ist die Sanierung des Altbaubestandes. Allerdings ist die Umsetzung bei einem Altbau manchmal schwieriger und kostenintensiver als bei einem Neubau, wo energieeffiziente Maßnahmen von vorne herein eingeplant werden.

Deshalb sind zuerst folgende Maßnahmen sinnvoll und wirtschaftlich umsetzbar: Dämmung der Kellerdecke, der Obergeschossdecke (bei nicht bewohnten Dachgeschossen), der Kehlbalkendecke und von allen Wänden zwischen beheizten und unbeheizten Räumen, Ersatz von Heizkesseln (älter als 15 bis 20 Jahre) mit Durchführung eines hydraulischen Abgleichs des Heizungssystems, Ersatz der Heizkreispumpe, Optimierung der Regelungseinstellungen der Heizkreise und der Warmwasserbereitung sowie Dämmung der Heizkörpernischen und Rollladenkästen, falls eine Außenwanddämmung nicht in Frage kommt.

Die Außenwanddämmung sollte immer gleichzeitig mit einer Fenstersanierung durchgeführt werden: Die Maßnahme bringt zwar eine große Einsparung, ist aber auch besonders kostenintensiv. Deshalb macht es auch durchaus Sinn, nur ein oder zwei Gebäudeseiten (Nord-, Wetterseite) zu dämmen.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Sie sagen, dass Energieeinsparung beim Bauen nicht Einschränkung und Verzicht bedeutet, sondern vielmehr Komfort, Wohnbehaglichkeit, Qualitätssteigerung und Werterhaltung. Können Sie dies kurz erläutern?

Thomas Königstein:
Das Wort „Sparen“ wird ja of mit Einschränkung, Verzicht und Komfortverlust gleichgesetzt. Deshalb glauben viele, dies gelte auch für das „Energiesparen“. Damit ist aber nicht gemeint, dass man z.B. im Winter die Heizung abschaltet und sich stattdessen einen warmen Pulli überzieht. Energiesparen meint hier: Dem Haus wird durch die oben beschriebene gute Wärmedämmung „ein Pulli übergezogen“. Das senkt nicht nur Energieverbrauch und –kosten (spart Energie), sondern hat weitere Vorteile.

Hier ein kleiner Auszug: Der „Haus-Pulli“ schützt die tragenden Bauteile langfristig gegen Witterungseinflüsse. Durch die Wärmedämmung beträgt selbst an eiskalten Tagen die innere Oberflächentemperatur aller Bauteile bis zu 18°C. Da durch die warmen uns umgebenden Bauteile dem Körper keine Wärme mehr entzogen wird, empfinden wir das als sehr behaglich.

Die Wände von ungedämmten Altbauten erreichen im Winter innen oft nur 10°C, dann „zieht es“ und es ist total unbehaglich. Außerdem wird der Taupunkt nicht mehr unterschritten, so dass Schimmelbildung ausgeschlossen ist. Durch die Wärmedämmung kann die Heizungsanlage wesentlich kleiner dimensioniert und einfacher realisiert werden – beim Passivhaus-Standard sogar ganz entfallen. Und dass sich ein heute energieeffizient gebautes Haus auch in weiter Zukunft bei Bedarf gut verkaufen lässt, ist ohnehin klar.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Können Sie den aktuellen Passivhaus-Standard kurz beschreiben?

Thomas Königstein:
Der Passivhaus-Standard hat sich seit seiner Einführung 1990 nicht verändert. Das Konzept: Alle Wärmeverluste über die Gebäudehülle und die Lüftung werden durch Wärmedämmungen zwischen 30 und 40 cm Stärke, Fenster mit 3-fach-Wärmeschutzverglasungen und ein Frischluftanlage derart stark verringert, dass die maximale Heizlast unter 10 W/m² Wohnfläche liegt (bei z.B. 150 Quadratmeter Wohnfläche und –12°C Außentemperatur beträgt dann die maximale Kesselleistung 1,5 kW). Das konventionelle Heizsystem ist dann nicht mehr erforderlich.

Die „Restheizung“ erfolgt allein durch passive (daher der Name Passivhaus) Wärmequellen wie Sonneneinstrahlung, Bewohner, Haushaltsgeräte und die Wärmerückgewinnung aus der Raumluft. Genannt seien hier nur zwei von vielen Vorteilen: Die Investitionskosten für die sonst übliche Heizungsanlage werden eingespart und die bundeseigene KfW-Bank fördert das Passivhaus als sogenanntes KfW-Effizienzhaus 40 besonders.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Herr Königstein, vielen Dank für das Interview!

Ratgeber energiesparendes Bauen und Sanieren. Neutrale Fachinformationen für mehr Energieeffizienz.
  • Thomas Königstein
  • Herausgeber: Fraunhofer IRB Verlag
  • Auflage Nr. 6 (16.06.2014)
  • Taschenbuch: 238 Seiten

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Über den Autor

Thomas Nissen

Thomas Nissen

Experte für Finanzthemen beim unabhängigen Wissensportal Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de

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