Interview

Interview mit Margit Winkler
„Vorsorgen ist keine Frage des Alters“

Margit Winkler

Margit Winkler (Jahrgang 1963) ist unabhängige Finanz- und Marketingfrau, Beraterin und Coach. Sie berät Finanzdienstleister in der Generationenberatung, dass heißt der Gesamtbedarfsberatung von Kunden für die letzte Lebensphase.

Eines der Anliegen ist dabei, dass auch in schwierigen Situationen nach dem Willen des Betroffenen verfahren werden kann. Für die Menschen, die die eigene Zukunft nicht dem Zufall überlassen wollen, hat sie das Buch „Vorsorgen ist keine Frage des Alters“ geschrieben.

Das Buch ist Grundlage für die nach dem Konzept der Autorin von der IHK zertifizierten Weiterbildung „GenerationenBerater“. Anlass für Margit Winkler, sich verstärkt mit dem Thema Vorsorge zu befassen, war ihr eigenes Schicksal. Die Autorin ist verwitwet und hat drei Kinder.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Krankheit, Pflegefall und Tod kann jeden unverhofft treffen. Was sollte jeder auf alle Fälle tun, um vorzusorgen?

Margit Winkler:
Ich spreche in diesem Zusammenhang sehr gern von den „Vier Säulen der persönlichen Vorsorge“: Damit sind die rechtlichen Aspekte, also die Vorsorge- und Betreuungsvollmacht, das Medizinische: die Patientenverfügung, finanzielle Vorsorge in der Zeit der Pflege und die Regelung des eigenen Willens, also das Testament, gemeint.

Diese Vorsorgen sollte jeder ab seiner Geschäftsfähigkeit treffen, um bis zum Schluss möglichst ein selbstbestimmtes Leben zu haben. Wer diese Vorsorgen trifft, schützt zudem seinen Angehörigen – Partner, Kinder oder Eltern – vor unnötigem Ärger. Denn oft hätte eine kleine Unterschrift genügt und so manche unangenehme Situation wäre erspart geblieben.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Viele erstellen keine Patientenverfügung, da sie nicht wissen, wie sie an das Thema herangehen müssen, und unsicher sind, was und wie alles geregelt werden sollte. Wie sollte man bei der Erstellung vorgehen? Was raten Sie?

Margit Winkler:
Die Patientenverfügung ist wohl die emotionalste und schwierigste Vorsorge – sie betrifft die letzte Zeit des eigenen Lebens. Jede Patientenverfügung muss in Schriftform vorliegen, sollte ca. alle zwei Jahre erneuert werden und kann mündlich widersprochen werden. Aus meiner Sicht entlastet die Patientenverfügung Partner und Kinder.

Mein Mann konnte, als er erkrankte, die Patientenverfügung noch für sich regeln. Wenn ich heute an ihn denke oder am Grab stehe, weiß ich immer: Egal wie schwer es war, wir haben immer nach seinem Willen gehandelt. Alles geschah nach seinen Vorstellungen. Auch zu dem Zeitpunkt, als er sich nicht mehr äußern konnte. Und es gab nie Diskussionen innerhalb der Familie darüber. Wir setzten uns alle für seinen Willen ein und respektierten diesen.

Mit folgender pragmatischen Vorgehensweise habe ich gute Erfahrung gemacht:

  1. Vorbereiten: mit einem Formular der Patientenverfügung.
  2. Errichten: mit dem vertrauten Hausarzt alle offenen Fragen klären und vor seinen Augen unterschreiben und dies bestätigen lassen.
  3. Verwahren: eine Kopie bei dem Haus- oder Facharzt lassen und dort vermerken, wo sich das Original befindet.
  4. Betreuer einbeziehen: dem Betreuer seinen Standpunkt erklären und den Ort der Verwahrung mitteilen.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
In einer Vorsorgevollmacht können sehr weitreichende Regelungen festgelegt werden. Wer sollte eine Vorsorgevollmacht erstellen und für wen reicht eine Patientenverfügung aus?

Margit Winkler:
Jeder Geschäftsfähige, der eine Person des vollsten Vertrauens hat, sollte eine Vorsorgevollmacht erstellen, damit diese in seinem Namen Entscheidungen treffen kann. Eine Vorsorgevollmacht kann verschiedene Lebensbereiche umfassen, wie die Vermögenssorge inklusive Immobilien, die Aufenthaltsbestimmung, die Gesundheitssorge, den Postverkehr, bis hin zur gerichtlichen Vertretung.

Die Erstellung einer Vollmacht ist keine Frage des Alters. Weder Eheleute untereinander noch Eltern für erwachsene Kinder sind automatisch bevollmächtigt. Latent wissen wir das, denn niemand kann vom Bankkonto des Partners ohne Vollmacht verfügen. Wie viel weitreichender sind Entscheidungen, wenn es um die Gesundheit geht! Zudem vermeidet man einen fremden Berufsbetreuer, der übrigens im ersten Jahr bis zu 4.000 Euro kosten kann (inklusive Gerichtsgebühr).

Eine Patientenverfügung regelt die medizinischen Maßnahmen für denjenigen, der sich selbst nicht mehr äußern kann. Sie wird auch Patiententestament genannt. Voraussetzung hierfür ist die Einwilligungsfähigkeit, dass man also die Tragweite seiner Entscheidungen einschätzen kann. Derjenige, der selbstbestimmt leben (und sterben) will, legt seinen Willen innerhalb dieser Patientenverfügung fest. Er spricht sich klar für oder gegen verlängernden Maßnahmen aus, für oder gegen Organspenden usw. Diese Verfügung kann in Beisein von Pflegepersonal oder Ärzten jederzeit errichtet und auch geändert werden.

Eine Patientenverfügung sollte meines Erachtens jeder errichten. Er entlastet damit seine Angehörigen. Alle wissen dann, was der Wille des Patienten ist. Ich denke gerade an das Beispiel, das sich genau vor einem Jahr zugetragen hat: eine Bankangestellte, Mitte Fünfzig und Mitten im Leben, erlitt in Beisein ihres Mannes abends auf einem Volksfest einen Infarkt. Notarzt. Erstversorgung. Anschließend hielten Maschinen sie am Leben. Eine Patientenverfügung bestand nicht. Das Ehepaar war unvorbereitet. Die Ärzte führten lange Gespräch mit dem Mann. Er tat sich sehr schwer. Sah seine Frau in der Klinik und es wirkte auf ihn, als ob sie nur schlief. Nach vielen Gesprächen wurden die Maschinen abgestellt. Dieses Ereignis berührte den ganzen Ort.

Später traf ich den Witwer als einen gebrochenen Mann: Seine Frau hatte noch eine Mutter, eine Frau um die Achtzig. Diese alte Frau hatte ihre Tochter verloren! Und das auf eine Art und Weise, die sie nicht verstand. Sie machte fortwährend überall dem Schwiegersohn bitterste Vorwürfe … . Und das in einem kleinen Ort, da, wo jeder jeden kennt und man sich begegnet.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Halten Sie eine Betreuungsverfügung für wichtig? Für wen?

Margit Winkler:
Wenn jemand eben nicht die Person des vollsten Vertrauens hat, ist die Betreuungsvollmacht das richtige Instrument. Man schlägt eine Person vor, die dann vom Richter bestellt wird. Dieser hat also „das letzte Wort“. Oft werden dann Nichten oder Neffen vorgeschlagen oder man sucht sich einen Berufsbetreuer.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Man kennt die Person, die einem dann betreut. Voraussetzung ist immer, dass die andere Person die Betreuung auch übernehmen möchte. Außerdem sollte man Details der persönlichen Lebensführung festlegen: Was einem heute wichtig ist, hat auch später Bedeutung. Auch wenn es banal klingt, kann da das Gläschen Rotwein, der regelmäßige Frisörtermin oder die Sportschau am Abend Lebensqualität sein.

Da wir nie wissen, ob der vorgeschlagene Betreuer uns dann wirklich zur Seite steht bzw. stehen kann, sollte aus der Betreuungsverfügung der persönliche Wille hervorgehen, so dass sich jeder Fremde ein Bild machen könnte. Nur dann kann die Individualität auch berücksichtigt werden.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Frau Winkler, vielen Dank für das informative Interview!

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Über den Autor

Thomas Nissen

Thomas Nissen

Experte für Finanzthemen beim unabhängigen Wissensportal Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de

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