Interview

Interview mit Daniel D. Eckert
„Weltkrieg der Währungen“

Daniel D. Eckert

Daniel D. Eckert (Jahrgang 1970) ist langjähriger Finanz- und Wirtschaftsjournalist mit dem Schwerpunkt Kapitalmärkte bei Axel Springer (Welt, Welt am Sonntag). Zuvor arbeitete er bei einem Kreditinstitut.

In seinem Buch „Weltkrieg der Währungen“ stellt Daniel D. Eckert den Kampf um das Geld der Welt dar: Der Euro kämpft ums Überleben, der Dollar verliert zunehmend seinen Status als Leitwährung und China nutzt seine Währung, um zur beherrschenden Supermacht aufzusteigen.

Ursprünglich erschien das Werk im Herbst 2010. Seither überschlagen sich die Ereignisse. Daher wurde im Juni 2012 eine aktualisierte Fassung veröffentlicht.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Herr Eckert, wie sieht für Sie die neue Weltordnung der Währungen aus?

Daniel D. Eckert:
Unser Währungssystem befindet sich in Auflösung. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs basiert die globale Währungsordnung auf dem US-Dollar, ergänzt durch starke europäische Währungen, vor allem die D-Mark und den Schweizerfranken, und in geringerem Maß dem Japanischen Yen. Durch die europäische Schuldenkrise bricht Europa als Stützpfeiler dieses Systems nun weg. In meinem Buch beschreibe ich, wie es als Folge der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert zu der alten Ordnung gekommen ist und warum sie sich jetzt auflöst.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Sie sagen, der Dollar ist die einzige Stütze des Devisensystems – und das trotz der gigantischen Schulden der USA?

Daniel D. Eckert:
Die amerikanische Währung ist Handelswährung, Reservewährung, Fluchtwährung. Und ja, das mutet absurd an, weil die USA die am schlimmsten verschuldete Nation der Geschichte sind. Die privaten und öffentlichen Schulden Amerikas türmen sich auf 57 Billionen Dollar. Doch in Zeiten der Krise werden die Vereinigten Staaten auch in Finanzdingen mit seinem wichtigsten Exportgut identifiziert, nämlich Sicherheit. Die Wall Street und die Notenbank Fed tun alles, dass das in den nächsten Jahren so bleibt. Im Moment sind sie erfolgreich dabei: Die Schulden steigen rasant, aber der Dollar ist bei Investoren gefragt. Die Zukunft des Euro ist dagegen umwölkt.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Und China mit seinem Renminbi? (Anmerkung: Renminbi ist der offizielle Name der chinesischen Währung, Yuan bezeichnet ebenfalls die chinesische Währung, jedoch als Einheit, wie z. B. als Summe, Betrag etc.)

Daniel D. Eckert:
Das ist der Knackpunkt: Wegen seiner enormen Verschuldung gerät Amerika immer mehr in Abhängigkeit von seinen ausländischen Geldgebern, und der wichtigste davon ist China. Auf kurz oder lang wird Peking diese Position der Stärke nutzen, um seine Währung, den Renminbi an die Spitze zu katapultieren und um die amerikanische Macht zu unterhöhlen. Noch herrscht finanziell eine Art Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Vereinigten Staaten und China. Die Wall Street mit ihren großen Fonds und die Fed sind Machtpole, die Peking nicht kontrollieren kann. Doch das kann kippen.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Warum sehen Sie das amerikanisch-chinesische Währungsgleichgewicht in Gefahr?

Daniel D. Eckert:
Die Wachstumsdynamik beider Länder ist höchst unterschiedlich. Die US-Wirtschaft befindet sich in einer heiklen Umbruchphase. Gemessen an früheren Epochen der Entschuldung (des Deleveraging, wie es in der Fachsprache heißt) kann sich das über ein oder sogar zwei Jahrzehnte hinziehen. Dagegen entwickelt sich die chinesische Ökonomie, bei allen Rückschlägen, in Turbo-Geschwindigkeit. Selbst wenn es am dortigen Immobilienmarkt jetzt Probleme gibt, und die gibt es zweifelsohne, ändert das nichts am unbedingten Aufstiegswillen der Volksrepublik. Vergessen wir nicht, dass China vom Mittelalter bis etwa zum Jahr 1800 die größte Wirtschaftsleistung der Welt hatte. Da will Peking wieder hin.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Was bedeutet das für uns Europäer?

Daniel D. Eckert:
Im Konfliktfall könnte die chinesische Regierung die USA ähnlich unter Druck setzen wie es Washington 1956 in der Suez-Krise mit London machte. Die Episode läutete damals das endgültige Ende des Pfundes als Weltwährung ein. So wird mit einiger Wahrscheinlichkeit auch der Tag kommen, an dem es China auf eine Kraftprobe mit Amerika ankommen lassen wird. Wie auch immer dann der Kampf ausgeht, ob die USA dann genauso kleinbeigeben müssen wie London in der Suez-Krise, für uns Europäer wird das mit erheblichen Turbulenzen an den Kapitalmärkten verbunden sein. Im Weltkrieg der Währungen sind wir die schwächste Kriegspartei. Durch die prekäre Konstruktion der Währungsunion sind wir am verletzlichsten.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Welche Rolle spielt Gold?

Daniel D. Eckert:
Die Gold-Skeptiker betonen, dass Gold keinen produktiven Nutzen hat. Da würde ich nicht mal widersprechen. Abgesehen von den Anwendungen in der Zahnmedizin und der Elektronik dient es in allen Kulturen vor allem als Schmuck. Menschen verschönern sich damit. Wer richtig investieren will, engagiert sich eher in Produktivkapital, etwa über Aktien von guten Firmen. Das bedeutet aber nicht, dass ich Gold für unattraktiv halte. Es fungiert wie eine Versicherung gegen die Extremrisiken Inflation und Währungsschnitt. Kommt es zu einer Reform des Geldsystems könnte Gold als Wertanker wiederentdeckt werden. Ich sage nicht, dass das unmittelbar bevorsteht, aber die Wahrscheinlichkeit ist definitiv nicht gleich null.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Wie stark sollte der einzelne Anleger in Gold engagiert sein?

Daniel D. Eckert:
Ich halte es für vernünftig, dass die Bürger ihren Wohlstand mit einem bestimmten Anteil Gold absichern. Je nach Risikoneigung und je nachdem, in welchem Maß man auf laufende Erträge zu verzichten bereit ist, können das fünf oder zehn Prozent ihres Vermögens sein. Eine Gefahr lässt sich allerdings nicht bestreiten: Dass der Staat Gold-Transaktionen bei einer weiteren Verschärfung der Krise exzessiv besteuert oder gar verbietet.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Sie unterstützen die Ansicht, dass die Währungsunion auf ein gigantisches Erpressungsmanöver hinausläuft. Zudem beschreiben Sie den Euro als „starken Schwächling“ und „labilen Kraftprotz“. Hat die Gemeinschaftswährung eine Überlebenschance?

Daniel D. Eckert:
Zur Eurozone gehören einige der modernsten und stärksten Ökonomien der Welt: Italien, Frankreich und natürlich vor allem Deutschland. Firmen und Arbeitnehmer in diesen Ländern erzeugen einen enormen Wohlstand. Von diesem Wohlstand kann die Politik eine Menge abzweigen, um die Währungsunion zu stabilisieren und zu erhalten, auch wenn sie ökonomisch eine Fehlkonstruktion ist. Und genau das werden die politischen Eliten tun – koste es, was es wolle, wie es EZB-Präsident Mario Draghi letztens ausdrückte.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Warum agieren die Eliten so?

Daniel D. Eckert:
Weil die politischen Eliten ihr Schicksal mit dem Projekt Europa verknüpft sehen. Sie werden also sehr viel Wohlstand umverteilen, möglichst verschleiert und kaschiert. Ob der Euro überlebt, ist letztlich also eine politische Frage, eine Frage, inwieweit dieser Transfer von den jeweiligen Bevölkerungen akzeptiert wird. Ein Risiko gibt es bei der Sache: Die politischen Eliten in den Geberländern werden ihr Wahlvolk besänftigen müssen, indem sie Reformen in den Nehmerländern einfordern.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Das ist das, was Sie in Ihrem Buch den “neuen europäischen Gesellschaftsvertrag” nennen …

Daniel D. Eckert:
Ja, offiziell wird das Geld aus dem Kern nur solange in die Peripherie fließen oder als Bürgschaft zur Verfügung gestellt, bis die Reformen greifen. Aber in der Zwischenzeit – und da reden wir eher von Jahrzehnten als von Jahren – bedeutet das Zumutungen für beide Seiten. Die einen zahlen und werden von ihren Politikern beschwichtigt, die anderen müssen einen schmerzhaften Anpassungsprozess erdulden. Funktioniert dieser europäische Gesellschaftsvertrag? Ich bin mir nicht sicher. Da könnte einiges schief gehen. Demokratie und Europa vertragen sich zuweilen nicht gut.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Was erwarten Sie für die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland?

Daniel D. Eckert:
In vielen Branchen stellt Deutschland einige der besten Unternehmen der Welt. Denken Sie nur an die Automobilindustrie oder den Maschinenbau. Diese Stärke verschwindet nicht über Nacht. Das sollten wir immer im Hinterkopf behalten, auch wenn jetzt eine schwere Zeit auf uns zukommt. Schuldenkrisen, und mit nichts anderem haben wir es zu tun, haben die Eigenschaft äußerst hartnäckig zu sein. Eine Zeitlang sieht es so aus, als seien alle Probleme gelöst, und dann kehren sie mit voller Wucht zurück.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Die Probleme in Randeuropa ziehen auch uns nach unten?

Daniel D. Eckert:
In gewisser Weise schon, ja. Es ist heute klar, dass ein Großteil der Bank- und Staatsschulden der Krisenländer – es geht um die gewaltige Summe von 12,5 Billionen Euro – abgeschrieben werden muss. In gewissen Sinn wäre es optimal, wenn wir das gleich heute auf einen Schlag machen könnten. Dann könnten wir morgen neu anfangen, wieder durchstarten. Doch in unserem System sind die Schulden der einen die Besitztümer, die Vermögenswerte der anderen. Anleihen von Staaten und Banken finden sich zum Beispiel in den Portfolien von Lebensversicherungen. Ein solch riesiger Schuldenschnitt käme einer Währungsreform gleich.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
… und wäre in Deutschland extrem unpopulär …

Daniel D. Eckert:
Nicht nur in Deutschland. Aus diesem Grund glaube ich, dass sich die Krise vermutlich noch über Jahre hinziehen wird. Es wird ein Schritt-für-Schritt-Schuldenerlass mit politischen Verwicklungen und viel Verunsicherung sein. Von allzu großen Wachstumsfantasien sollten wir uns verabschieden. Ich möchte jedoch betonen, dass es Deutschland besser geht als den meisten anderen europäischen Volkswirtschaften, die mitten in einem ökonomischen und politischen Umbruch stecken.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Warum?

Daniel D. Eckert:
Länder wie Spanien oder Italien müssen sich von ihrem alten Sozialmodell verabschieden, wollen sie im Euro bleiben. Diese Umstellung wird die Länder selbst im günstigen Fall für ein Jahrzehnt zu einem schwachen Wachstum verdammen. Deutschland kann sich wegen der europäischen Verflechtung nicht ganz entziehen. Aber wir sind nicht das Zentrum der Krise. Aber auch wenn ich keine Hochkonjunktur für Deutschland erwarte, denke ich, dass es sinnvoller ist, hier zu investieren als anderswo auf dem Kontinent.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Die Guthabenzinsen werden immer niedriger und tendieren gegen Null – zum Nachteil von jedem, der privat vorsorgt.

Daniel D. Eckert:
Als sich 2010 abzeichnete, dass die Zinsen, die Sparer auf sichere Anlagen wie Tagesgeld erhalten, nicht mehr die Inflationsrate ausgleicht, sagten viele: Das ist nur vorübergehend. Heute wissen wir: Diese negative Realrendite ist ein Dauerzustand. Und die Lage könnte sich in der Krise sogar noch weiter verschärfen. Zinsen, die unterhalb der Inflationsrate liegen, helfen den Staaten, ihre immensen Schuldenlasten erträglich zu halten. Daher haben Regierungen ein vitales Interesse daran, dass es so bleibt. Das wird im Laufe der nächsten Jahre auch die Renditen von Lebensversicherungen und anderen Investmentprodukten dämpfen.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Was können Verbraucher tun, um ihr Vermögen zu schützen? Wie können sie sich vorbereiten auf das, was kommt?

Daniel D. Eckert:
Wer sein Geld nicht ausgibt, hat nur noch wenige Möglichkeiten: Mit Bonds bester Unternehmen können Anleger einen Zins erzielen, der oberhalb der Inflationsrate liegt, wenngleich oft nur noch leicht. Das Thema Gold hatten wir schon angesprochen. Auch Wertpapiere in Schwellenländern bieten attraktive Zinsen oder Dividenden. Zudem ist mit einer Aufwertung von Währungen wie zum Beispiel der indonesischen Rupiah zum Euro zu rechnen. Es ist manchmal gut, sich klar zu machen, dass Europa nicht mehr der Nabel der Welt ist.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Interview!

Weltkrieg der Währungen: Wie Euro, Gold und Yuan um das Erbe des Dollars kämpfen
  • Daniel D. Eckert
  • Herausgeber: FinanzBuch Verlag
  • Auflage Nr. 5 (20.09.2010)
  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

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Über den Autor

Thomas Nissen

Thomas Nissen

Experte für Finanzthemen beim unabhängigen Wissensportal Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de

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