Interview

Interview mit Anja Krüger
„Die Angstmacher: Wie uns die Versicherungswirtschaft abzockt“

Anja Krüger

Anja Krüger (Jahrgang 1967) schreibt als Wirtschaftsjournalistin vor allem über Gesundheitspolitik, Lebensversicherung und Versicherungsthemen mit Verbraucherbezug. Krüger arbeitet als Redakteurin in einem Kölner Pressebüro und verantwortet dort die Erstellung der Versicherungsbeilagen für die Financial Times Deutschland.

Mit Versicherungsunternehmen und Versicherten stehen sich Mächtige und Ohnmächtige gegenüber. Für Anja Krüger ist das Verhältnis erschreckend ungleich. Für sie sind die Verbraucher der Branche ausgeliefert, die ihre Macht beim Verkauf von Produkten und bei der Regulierung von Schadensfällen missbraucht.

Angst macht Verbraucher zur schnellen Beute der Versicherer, meint Krüger. Und für jede Angst haben die Versicherer ein Angebot in der Tasche. Von dem gigantischen Geschäft profitieren im Wesentlichen die Versicherungsunternehmen. Die Versicherten dagegen werden schlecht informiert, überversichert und im Schadenfall im Stich gelassen.

Anja Krüger deckt in ihrem Buch „Die Angstmacher: Wie uns die Versicherungswirtschaft abzockt“, welches im März 2012 erschienen ist, skandalöse Praktiken der Versicherer auf.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Frau Krüger, was sind Ihre Kritikpunkte? Warum sind Verbraucher der Branche ausgeliefert?

Anja Krüger:
Die Versicherer haben eine enorme Macht über Verbraucher, und sie nutzen diese Macht systematisch aus. Das gilt schon für den Verkauf von Policen, bei dem den Kunden zu viel Geld aus der Tasche gezogen wird. Das gilt aber auch und erst recht, wenn es zu einem Schaden kommt. Jeder braucht Versicherungen. Verbraucher haben aber kaum eine Chance, Angebote wirklich zu vergleichen. Den Leuten ist nicht wirklich klar, was sie kaufen und was sie für ihr Geld bekommen.

Kommt es zu einem Schaden, sind sie böse überrascht, weil der Versicherer sagt: Das war ja gar nicht versichert – obwohl der Vertreter oder die Werbung ihnen etwas anders vorgemacht haben. Bei kleineren Schäden mag das einfach nur ärgerlich sein, wenn das Unternehmen zum Beispiel die geklauten Gartenmöbel nicht bezahlt oder nicht für den Wasserschaden aufkommt. Man wechselt den Versicherer und hofft, dass es beim nächsten Mal besser läuft.

Bei einem richtig großen Schaden oder wenn Personen schwer verletzt werden, sieht das anders aus. Versicherer verzögern die Leistung, schicken Geschädigte immer wieder zu Gutachtern, sie lassen sich verklagen und spielen auf Zeit. Kunden oder Geschädigte werden auf dem Weg durch die Instanzen zermürbt. Dann akzeptieren sie, nervlich und finanziell aufgerieben, Vergleiche, bei denen sie viel weniger bekommen als ihnen zusteht.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Was sind nach Ihrer Erfahrung die häufigsten Versicherungen, die Verbrauchern unnötigerweise – am Bedarf vorbei – aufgedrängt werden?

Anja Krüger:
Glasbruchversicherungen, Unfallinsassenversicherungen, Restschuldversicherungen und eine ganze Reihe von Unfallversicherungen, die in ganz anderen Fällen leisten als die Kunden glauben und auch dann nur eingeschränkt. Viel verkauft werden auch diverse Spielarten von Reiseversicherungen, oft im Paket, die für Kunden in vielen Fällen keinen Sinn machen. Bei Versicherungspaketen sollten Verbraucher generell sehr vorsichtig sein. Sie enthalten oft Komponenten, die der Kunde schon hat oder nicht braucht, aber mitbezahlen muss.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Und bei welchen Versicherungen gibt es die meisten Probleme bei der Regulierung im Schadensfall?

Anja Krüger:
Die dramatischsten Probleme bei einem Schaden gibt es bei Berufsunfähigkeitsversicherungen. Hier geht es für den Versicherer um viel Geld, für die Kunden möglicherweise um die finanzielle Existenz. Die Versicherer untersuchen sehr genau, ob sie wirklich zahlen müssen, lassen die Kunden auf Herz und Nieren prüfen und verweigern sehr oft die Zahlung. Es ist bezeichnend, dass sich die Branche weigert, Zahlen zu den abgelehnten Anträgen auf Zahlung einer Berufsunfähigkeitsrente zu veröffentlichen.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Der Staat fordert immer mehr die private Vorsorge für das Alter. Ist dies ein gefundenes Fressen für die Versicherungsbranche?

Anja Krüger:
Politik und Versicherungswirtschaft spielen sich gegenseitig in die Hände. Die meisten Politiker erheben gar nicht mehr den Anspruch, dass die gesetzliche Rente reichen soll. Der Staat zwingt die Bürger zur privaten Altersvorsorge. Davon profitieren die Versicherer und die Vermittler, denn für den Verbraucher ist private Altersvorsorge sehr teuer. Die Branche kann mit der Angst vor Altersarmut gut verdienen. Verbraucher sollten bei der Altersvorsorge nicht nur auf die Angebote der Versicherer schauen, es gibt auch andere Möglichkeiten fürs Alter vorzusorgen.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Versicherungsbedingungen bestehen meist aus dicken Packen von Papier im Juristendeutsch. Verbraucher lesen sie daher vor Vertragsabschluss meist nicht, und verstehen sie auch nicht wirklich. Ist dies von den Versicherern so gewollt? Sollen die Versicherungsunterlagen absichtlich nicht verstanden werden?

Anja Krüger:
Dieser Eindruck drängt sich auf, auch wenn die Versicherer das bestreiten. Sie begründen das Kauderwelsch damit, dass sie juristisch auf der sicheren Seite sein wollen. Kunden möchten auch gerne auf der sicheren Seite sein. Aber sie haben kaum eine Chance zu verstehen, was sie kaufen, selbst wenn sie die ganzen Unterlagen durcharbeiten. Denn oft greifen Gesetze und Paragrafen in den Vertrag ein, die für Laien nicht ersichtlich sind.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Wie können Verbraucher dennoch einen guten Versicherer unter den vielen schwarzen Schafen finden?

Anja Krüger:
Auch wenn es banal klingt: Ganz genau hinschauen. Und niemandem einen Vertrauensvorschuss geben. Wer Preise vergleicht, sollte immer darauf achten, auch die Bedingungen zu vergleichen. Die Unterschiede sind häufig erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Oft locken Versicherer mit Schnäppchen-Policen, die zwar billig sind, aber in vielen Fällen nicht oder zu wenig leisten. Bei einer Kfz-Versicherung ist zum Beispiel wichtig, ob und welche Zusammenstöße mit Tieren mitgedeckt sind. In der privaten Familienhaftpflicht sollten auch deliktunfähige Kinder mitversichert sein. Andererseits sind die Preisunterschiede auch bei identischen Angeboten oft unglaublich hoch.

Anja Krüger:
Wichtig: Eines sollte man auf keinen Fall tun: einem Vermittler, auch wenn es ein guter Bekannter ist, einfach zu glauben. Wer eine Versicherung kauft, die wie eine private Renten- oder Berufsunfähigkeitsversicherung ein ganzes Leben halten muss, sollte sich von einem unabhängigen Fachmann oder einer unabhängigen Fachfrau beraten lassen.

Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de:
Frau Krüger, vielen Dank für das Interview!

Die Angstmacher: Wie uns die Versicherungswirtschaft abzockt
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Über den Autor

Thomas Nissen

Thomas Nissen

Experte für Finanzthemen beim unabhängigen Wissensportal Arbeitsgemeinschaft-Finanzen.de

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