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Die Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank und ihre Folgen für jeden
- 08.05.2009
Wenn der EZB-Rat zusammen tritt, geht dies meist nicht spurlos an jedem Einzelnen von uns vorüber. Auch wenn so mancher Bürger unseres Landes immer noch meint, Europa sei weit weg für ihn, so sind wir doch ein Teil der Europäischen Union und vor allem aufgrund unserer Leitwährung auch ein Teil der Euro-Zone. Und genau deshalb sind die Entscheidungen, welche die Herren und die einzige Dame des EZB-Rats, Gertrude Tumpel-Gugerell, unter der Leitung von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet zu treffen haben, auch entscheidend für die Finanzwirtschaft und die Geldpolitik von Deutschland – und damit auch für den Geldbeutel jedes Einzelnen von uns.Binnen weniger Monate hat nun genau jener EZB-Rat den Leitzins für die Euro-Zone gesenkt. Die Notenbank Europas hat damit einen steilen Abstieg von im Herbst noch 4,25 Prozent auf seit gestern 1,00 Prozent für den Leitzins in Kauf genommen. Viele Experten hatten der Europäischen Zentralbank und ihrem Rat vorgeworfen, noch im Sommer des letzten Jahres ihre Augen verschlossen zu haben, als der Leitzins noch einmal erhöht wurde. Die Rezession, die nur kurze Zeit später über die Länder Europas herein brach, war in Ansätzen schon zu sehen gewesen, und dennoch hatte der Rat der Europäischen Zentralbank den Leitzins nicht gesenkt. Dafür folgten in den vergangenen Monaten in steter Folge neue Senkungen des für die Geldpolitik der Euro-Zone so wichtigen Leitzinses. Rasend ging es binnen kurzer Zeit bergab und eine historische Senkung wurde von der nächsten überholt.
Der Leitzins, die wichtigste Messlatte für die Finanzwelt
Doch was hat der Leitzins der Europäischen Zentralbank mit dem Leben eines jeden Einzelnen zu tun, der in der Euro-Zone lebt? Hat er überhaupt eine Bedeutung, oder ist er einfach nur eine Zahl, welche sich die Herren und die Dame des EZB-Rates da ausdenken? Viele fragen sich dies, und wir möchten hier deshalb eine Erklärung dafür finden. Der Leitzins ist die wichtigste Messlatte für die Finanzwirtschaft und die Geldpolitik. Er gibt an, zu welchem Preis die Banken einer Währungszone (bei uns die Euro-Zone) Geld bei der maßgebenden Notenbank leihen können. Ist der Leitzins hoch, sind auch die Kredite teuer. Dies hat zur Folge, dass die Banken hohe Zinsen bezahlen für bestimmte Geldanlagen. Bei uns sind dies meist Tagesgeld und Festgeld. Auf der anderen Seite setzen die Banken dann die Zinsen für Kredite nach oben, das heißt, Kredite werden teurer. Wenn der Leitzins hingegen gesenkt wird, schauen die Sparer in die Röhre, und die Kreditnehmer freuen sich – meist – über niedrige Zinskonditionen. Denn wenn die Banken günstig Geld leihen können bei der Notenbank, sind sie nicht mehr auf die Gelder der Sparer angewiesen, und senken in der Folge die Zinsen für die Geldanlagen. Andererseits senken die Banken normalerweise dann auch die Zinsen für die Aufnahme von Krediten. Wer also ein Haus bauen oder kaufen möchte, sollte besonders genau auf die Höhe des Leitzinses achten und zur Not eine Kreditaufnahme auf später verschieben, wenn es möglich ist.
Doch derzeit folgen die Banken nicht in jedem Punkt der Leitzinssenkung
Wir leben in einer schwierigen Zeit. Das ist Fakt und daran gibt es auch nichts zu rütteln. Die Rezession hat uns in ihren Klauen und zeigt sich im Verlust von Arbeitsplätzen, in Kurzarbeit, in Insolvenzen und darin, dass viele Menschen anfangen, ihr Geld zusammen zu halten. Dies machen im Moment jedoch nicht nur die Bürger, sondern auch die Banken legen derzeit viele Gelder „unter ihre Matratze“ und sind nicht bereit, trotz der massiven Leitzinssenkung, die Zinsen für Kredite maßgeblich zu senken. Auf der anderen Seite jedoch schnüren sie den Sparern regelrecht die Luft ab, indem die meisten Geldinstitute derzeit umgehend nach einer Leitzinssenkung auch die Zinsen für ihre angebotenen Anlagemöglichkeiten senken. Dies ist natürlich bitter für viele Anleger, die sowieso schon viel Federn lassen mussten in den vergangenen Monaten durch den starken Sinkflug der Aktienmärkte und Verluste bei anderen Geldanlagen wie zum Beispiel den inzwischen völlig wertlosen Zertifikaten der Lehman Brothers. Die US-Investmentbank war vor einigen Monaten fast von heute auf morgen in die Pleite gegangen und riss damit Milliarden von Geldanlagen mit in den Abgrund.
Hohe Zinsen vermiesen die Stimmung in der deutschen Kreditlandschaft
Andererseits haben die Banken derzeit nicht im Sinne, die Zinsen für Kredite zu senken. Es gibt einige gute Angebote, diese bestehen jedoch schon eine Weile. Andere Banken hingegen halten ihre Zinskonditionen immer noch oben, obwohl die Europäischen Zentralbank den Leitzins für die Euro-Zonen binnen nur weniger Monate um 3,25 Prozent gesenkt hat. Auf der anderen Seite gibt es zugleich eine Kreditklemme, die aber von den Banken immer abgetan wird, als existiere sie nicht. Dies stimmt jedoch so nicht. Zwar vergeben die Geldinstitute weiter Kredite, jedoch auf der einen Seite eben oft zu immer noch viel zu hohen Zinsen. Auf der anderen Seite haben sie ihre Bedingungen für die Vergabe von Krediten verschärft, zum Beispiel in punkto Sicherheiten.So gibt der EZB-Rat im Moment mit seiner Leitzinssenkung eine eindeutige Marschrichtung vor, doch die Banken folgen nur in einer Richtung, der Zinssenkung für Geldanlagen. Sie hinken also hinter der Entscheidung der Europäischen Zentralbank auf nur einem Bein hinterher. Dass dies nicht gut ist für die Situation der Finanzwirtschaft in unserem Land ist nur all zu offensichtlich. Aber der Elfenbeinturm, in dem die Banker leben, scheint wieder einmal undurchdringbar zu sein für die Realität – doch das kennen wir ja schon zur Genüge.
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